Tipps für den
Schlussverkauf
In Paris ist der Schlussverkauf
eine Institution. Entsprechend gut in Form sind die Franzosen, wenn es um das
Jagen von Schnäppchen geht. Aber von der FAZ-Autorin und Wahl-Pariserin Estelle
Marandon kann auch lernen, wer in Deutschland lebt.
In Frankreich gibt es ihn
noch: den halbjährlichen Schlussverkauf. Und damit sind nicht einfach
irgendwelche Sonderangebote oder Rabattaktionen gemeint, sondern das, was in
Deutschland längst abgeschafft wurde: der staatlich festgelegte Winter- oder
Sommerschlussverkauf. Die Franzosen lieben ihn und halten eisern daran fest.
Wie auf einen sportlichen Wettkampf bereiten sich einige Pariserinnen auf
dieses Ereignis vor. Nichts wird dem Zufall überlassen. Denn in der Zeit kann
man noch richtige „bonnes affaires“ machen. Nur während der „soldes“-Wochen
dürfen die Händler ihre Ware nämlich mit Verlust verkaufen. Wer sich also
geschickt anstellt, kann Vergünstigungen von bis zu siebzig Prozent bekommen.
Allerdings - zehn goldene Regeln sollte man sich vorab schon hinter die Ohren
schreiben. Mit denen dürfte man dann auch in den deutschen Läden bestens
gerüstet sein. Eine Anleitung für den Einkauf im Schlussverkauf à la
Parisienne:
1. Die Lage erkunden
Repérage lautet das Zauberwort, was so
viel bedeutet wie Auskundschaften. Es ist das A und O für eine erfolgreiche
Schnäppchentour. Ein paar Tage bevor der Schlussverkauf beginnt, geht man in
seine Lieblingsboutiquen, um die Lage zu erkunden: Welche Teile gibt es, wie
viele sind noch da, und in welchen Größen sind sie vorhanden? In der Woche vor
den soldes herrscht in den Läden meistens Ruhe vor dem Sturm. Man kann also
noch gemütlich stöbern, anprobieren und eine kleine Vorauswahl treffen. So
verliert man am Tag der Tage keine kostbare Zeit. Wer das Kleid seiner Träume
entdeckt - im typischen Fall gibt es natürlich nur noch das eine in der
richtigen Größe -, kann versuchen, es in einer Ecke zu verstecken, in der
Hoffnung, dass es dort niemand findet. Diese Technik ist aber äußerst selten
von Erfolg gekrönt, da die Verkäuferinnen am Vortag den soldes normalerweise
alles neu etikettieren und sortieren. Besser empfiehlt es sich, am ersten Tag
früh den Wecker zu stellen und vor allen anderen im Laden zu stehen.
2. Inventur vornehmen
Nie mit leerem Magen im Supermarkt
einkaufen gehen - diese Regel ist hinlänglich bekannt. Auf die soldes-Saison
lässt sie sich ganz einfach übertragen. Beschäftigen Sie sich erst einmal
ausgiebig und in aller Ruhe mit Ihrem Kleiderschrank, bevor Sie sich ins
Schlussverkaufsgetümmel stürzen. Der eigene Fundus wird dabei radikal
aussortiert. Das Ausmisten soll so idealerweise den Heißhunger auf Klamotten
stillen. Außerdem verschafft man sich auf diese Weise vor dem Shoppingtrip
einen guten Überblick darüber, was man eigentlich wirklich braucht - und wird
feststellen: Es ist gar nicht so viel, wie man immer denkt. So verhindert man,
mit Tüten voller Kleidungsstücke nach Hause zu kommen, die man in der Art
ohnehin schon stapelweise im Schrank liegen hat.
3. Eine strenge Einkaufsliste führen
Nicht zu verwechseln mit der Einkaufsliste
für den Supermarkt, die bekanntlich verhindern soll, dass man wichtige Zutaten
vergisst. Mit einem Einkauf von Kleidung nach Liste behält man hingegen das
Wesentliche im Auge und vermeidet unnötiges Rumtrödeln in der
Unterwäsche-Abteilung, obwohl man doch eigentlich eine neue Seidenbluse kaufen
wollte.
4. Den Dresscode beachten
Es versteht sich fast von selbst: Zum
Schlussverkauf sollte man bequeme und vor allem praktische Kleidung tragen. Das
heißt vor allem: flaches Schuhwerk. Am besten ohne Schnürsenkel, dann geht das
An- und Ausziehen schneller. Auch Knöpfe können unter Zeitdruck lästig sein,
Blusen und Hemden sollte man also lieber vermeiden. Zweckmäßigkeit steht an
erster Stelle. Ideal sind Turnschuhe, Leggings und Pullover. Und ganz wichtig:
ein Unterhemd für den Fall, dass die Schlangen vor den Umkleidekabinen zu lang
sind. Dann kann man Kleid oder Bluse auch mal schnell so überziehen. Ja, in
einer Ecke der Verkaufsfläche - wer auf Schnäppchenjagd ist, sollte nicht
zimperlich sein. Auch die Wahl der richtigen Handtasche kann den Shoppingtag
übrigens erleichtern. Henkeltaschen oder schwere Ledertaschen sind ungeeignet.
Besser: eine leichte Umhängetasche oder sogar einen Jutesack, die gleich als
Behältnisse für die anschließende Beute dienen.
5. Wettkampfzone wählen
Am besten sollte man in ein Viertel
beziehungsweise in Geschäfte gehen, in denen man sich gut auskennt und nicht
lange suchen muss. Wer besonders wenig Zeit hat, geht in Paris in die
sogenannten grands magasins, sprich Printemps, Le Bon Marché oder Les Galeries
Lafayette, die es übrigens auch in Berlin gibt. Von Sandro bis Chanel sind hier
Marken in allen Preisklassen erhältlich, und schon vom ersten Tag an kann man
Reduktionen von bis zu fünfzig Prozent erwarten. Außerdem geht man beim Kauf
ein geringeres Risiko ein. In kleineren Boutiquen ist der Umtausch bei
reduzierter Ware nämlich meistens ausgeschlossen. Die großen Kaufhäuser sehen
das für gewöhnlich etwas laxer. Was nicht gefällt, kann man hier oft ohne
Probleme umtauschen und zurückgeben.
6. Öffnungszeiten prüfen
Wer zur Premiere der Schlussverkaufstage
als Erster den Laden betreten möchte, sollte unbedingt die Öffnungszeiten
erfragen. In Paris öffnen manche Geschäfte ausnahmsweise schon um acht Uhr
morgens. Andere haben abends länger auf, manchmal sogar bis 22 Uhr, damit man
auch nach der Arbeit noch shoppen gehen kann und somit die überfüllten Samstage
vermeidet. Um den Umsatz zu steigern, haben die großen Kaufhäuser auch am
ersten Sonntag der soldes geöffnet. Wer eine sehr lange Einkaufsliste hat,
nimmt in Frankreich dafür sogar einen sogenannten RTT, einen Tag réduction du
temps de travail, was so viel bedeutet, wie dass man seine Überstunden geltend
macht. Das lohnt sich für diejenigen, die Hamstereinkäufe für das nächste halbe
Jahr planen - und davon gibt es einige.
7. Die Vorteile des Internets schätzen
lernen
Weniger sportlich, dafür schnell
vollbracht ist der Einkauf im Schlussverkauf im Internet. Bei manchen
Online-Shops kann man sogar schon einen Tag vor Beginn des Schlussverkaufs
seinen Warenkorb vorbereiten und muss am nächsten Morgen dann nur noch mit ein
paar Mouseclicks an der Kasse bezahlen. Auch wenn man die entsprechende Größe
im Laden nicht mehr findet, lohnt es sich, einen Blick auf den Onlinestore der
entsprechenden Marke zu werfen. Dort gibt es oft noch einen Restbestand, selbst
wenn die Waren in der Boutique schon verkauft sind. Weiterer Vorteil: Im
Internet hat man in jedem Fall ein Umtausch- und Rückgaberecht von zwischen
sieben und 14 Tagen.
8. Den Reiz des Neuen ignorieren
Frisch und hübsch gefaltet strahlt sie
einem neben den Wühltischen entgegen: die neue Kollektion. Am besten man macht
darum einen großen Bogen, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten. Denn
nichtreduzierte Ware sollte während der soldes tabu sein. Neue, nichtreduzierte
Ware gibt es das ganze Jahr über. Jetzt geht es darum, ein Schnäppchen zu
machen. In Frankreich sollte man sich übrigens auch vor Beginn der soldes nicht
von Schildern mit Schriftzügen wie „promotions“, „soldes flottants“ oder
„ventes privilèges“ verwirren lassen. Seit 2009 haben nämlich auch die Händler
in Frankreich die Möglichkeit, außerhalb des staatlich festgelegten
Schlussverkaufs Waren zu reduzieren. Allerdings dürfen sie nicht die
Bezeichnung soldes verwenden und auch nicht mit Verlust verkaufen, so wie das
bei den echten soldes der Fall ist.
9. Gesunden Realismus beweisen
Die Preise während der soldes sind
verlockend. Die Gefahr ist somit groß, sich zu Fehlkäufen hinreißen zu lassen.
Aber Vorsicht: Das Kleidchen in Größe 34 wird sich nicht um zwei Größen weiten,
nur weil es um siebzig Prozent reduziert ist. Also Finger weg davon, auch wenn
es schade ist. Gleiches gilt für zu extravagante Teile. Super Schnäppchen, aber
nie angezogen, ist trotzdem eine Geldverschwendung. Die Pariserin deckt sich
daher am liebsten mit Basics ein und mit echten Klassikern. Das Kleine
Schwarze, ein schöner Trenchcoat, schicke Ballerinas, schlichte Stiefel aus
Kalbsleder. Es geht nicht darum, möglichst wenig Geld auszugeben, sondern es an
sinnvoller Stelle investiert zu haben.
10. Bis zum Schluss nicht den Kampfgeist
verlieren
C’est la vie.
Estelle
Marandon